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Hallo zusammen, wie lebt Ihr ?

Kaninchen :
Wir leben in kleinen Gruppen, keine festen Partnerschaften.
Bauen weit verzweigte Gangsysteme, in denen unsere Jungen
nackt und blind zur Welt kommen. Wir vermehren uns auch in
Gefangenschaft.

Hase :
Ich lebe solitär. Schlafe in einer flachen Erdmulde. Mein
Nachwuchs kommt darin mit Fell und geöffneten Augen zur Welt.
Ich bin niemals domestiziert worden.

Menschen :
Wissen wir noch nicht so genau. Bis wir es herausgefunden
haben führen wir Krieg.



Exhibitions/Activities





Diese Seite handelt von der Geschichte des Zusammenlebens von Menschen und Tieren auf der Erde, ausgehend von dem Zeitpunkt, an dem sich Menschen und Tiere voneinander getrennt haben. In Bezug auf die Gegenwart spricht Jaqcues Derrida vom „nie da gewesenen Ausmaß der Unterwerfung des Tiers“. Das Mensch-Tier-Verhältnis war jedoch auch zu keinem früheren Zeitpunkt jemals ausgewogen.

Reitversuche mit tödlichem Ausgang

Mensch auf

>> Löwe – Dauer ca. 2 Sekunden.

>> Vogel Strauß – wirft Mensch bei hoher Laufgeschwindigkeit ab. Mensch zieht sich einige kleine Schürfwunden zu; dadurch begünstigt Infektion mit Vogelgrippevirus > Immunsystem kollabiert.

>> Hirsch – rennt wie angepiekst durch den Wald > Mensch gelingt es, sich am Geweih festzuhalten und einigermaßen aufrecht zu sitzen > Hirsch rennt unter einem Ast hindurch, der Mensch genau am Kopf trifft.
Variante: Hirsch senkt Kopf bei hoher Laufgeschwindigkeit und bremst plötzlich ab > Gegenseitige Durchdringung von Mensch und Geweih.

Grundlegende Zivilisationskritik formuliert etwa seit Mitte der 1970er Jahre der Tierrechtsgedanke / Tierbefreiungsgedanke, in dessen Logik die Kulturgeschichte im Hinblick auf das Machtverhältnis Mensch – Tier neu zu interpretieren ist. Unter diesem Aspekt wird der aus der Umweltbewegung bekannte Ausruf „Zurück zur Natur“ obsolet. Es gibt keinen Weg zurück. Es geht darum, jenseits historischer Erfahrungen eine Utopie für eine Welt zu entwickeln, in der Menschen und Tiere friedlich miteinander leben können. Die Frage ist, wohin führt unser Weg, seitdem wir uns von den Tieren getrennt haben. Schon die wahrscheinlich älteste Erzählung, das Gilgâmesch-Epos, handelt vom Zerwürfnis des Menschen mit der Natur.

Auszug aus der deutschen Übersetzung des ersten Tafel des Gilgamesch -Epos

< >

Dann wusch Aruru sich ihre Hände,
kniff Ton ab und warf ihn (herab) in die Steppe.
In der Steppe schuf sie Enkidu, den Helden,
den Sprößling der Stille, den Brocken Ninurtas.

Dicht behaart ist er an seinem ganzen Leibe,
versehen mit Locken wie eine Frau.
Seiner Haarmähne Locken sprießen so üppig hervor wie Nissaba selbst.
Nicht sind ihm die Menschen und (nicht) das Kulturland bekannt.

Mit einem Gewande bekleidet wie Schakkan,
frißt mit Gazellen er Gras.
Mit Herdentieren drängt er sich an der Wasserstelle,
mit wilden Tieren labt er sich am Wasser.

Der Fallensteller, der Räuber-Mensch,
trat ihm, ihm gegenüber, an der Wasserstelle entgegen.
Einen Tag, einen zweiten und einen dritten
trat er ihm, ihm gegenüber, an der Wasserstelle entgegen.
Es sah ihn der Fallensteller, und dessen Züge erstarrten.
Jener aber und seine Herde – in sein Haus trat er ein.

(Der andere) jedoch geriet in Wut, er wurde ganz still und schwieg.
Es ist dunkel sein Herz, sein Gesicht ist umwölkt,
es steckt Trübsal ihm im Leibe.
Einem, der weite Wege gegangen, gleicht sein Gesicht.

Der Fallensteller öffnet seinen Mund und spricht, er sagt zu seinem Vater:
„Mein Vater, da ist ein Bursche, der gegenüber an die Wasserstelle kam.
Im Lande ist er der stärkste, Kräfte hat er,
wie ein Brocken des Anum sind stark seine Kräfte.

Auf den Bergen wandert er den ganzen Tag umher.
Beständig drängt mit Herdentieren er sich an der Wasserstelle.
Beständig finden seine Füße sich gegenüber an der Wasserstelle.
Ich aber bin so voller Angst, daß ich mich ihm nicht nähern kann.

Zugeschüttet hat er die Gruben, die ich gegraben.
Meine Fallen, die ich ausgelegt, hat er herausgerissen.
Er ließ aus meiner Hand entkommen die Herde, die wilden Tiere der Steppe.
Er gibt mich nicht frei für das Tun (in) der Steppe.“

Sein Vater öffnet den Mund und spricht, er sagt zu dem Fallensteller:
„Mein Sohn, ein Sproß aus dem Herzen Uruks, das ist Gilgamesch.
Die Kurtisanen, die Freudenmädchen und die Dirnen, die sind bei ihm.
Wie ein Brocken des Anum sind stark seine Kräfte.

Nimm den Weg, gen Uruk richte deinen Sinn!
Um Enkidu zu bezwingen, bedarf es der Muskelkraft des Menschen nicht!
Geh, mein Sohn, mit dir führe Schamchat, die Dirne.
Denn ihre Macht ist der eines mächtigen Mannes gleich.

Wenn die Herde eintrifft an der Wasserstelle,
soll sie ihre Kleider abstreifen und ihre Reize zeigen.
Er wird sie sehen und sich ihr dann nähern.
Fremd wird ihm seine Herde (dann) sein, in deren Mitte er aufwuchs.“

Auf den Rat des Vaters gab er Acht,
der Fallensteller ging davon, er begab sich auf die Reise.
Er nahm den Weg, gen Uruk richtete er seinen Sinn.

Zu König Gilgamesch spricht er das Wort und sagt:
„Da ist ein Bursche, der gegenüber an die Wasserstelle kam.
Im Lande ist er der stärkste, Kräfte hat er,
wie ein Brocken des Anum sind stark seine Kräfte.

Auf den Bergen wandert er den ganzen Tag umher.
Beständig drängt mit Herdentieren er sich an der Wasserstelle.
Beständig finden seine Füße sich gegenüber an der Wasserstelle.
Ich aber bin so voller Angst, daß ich mich ihm nicht nähern kann.

Zugeschüttet hat er die Gruben, die ich gegraben.
Meine Fallen, die ich ausgelegt, hat er herausgerissen.
Er ließ aus meiner Hand entkommen die Herde, die wilden Tiere der Steppe.
Er gibt mich nicht frei für das Tun (in) der Steppe.“

Gilgamesch sagt zu ihm, zum Fallensteller:
„Geh, mein Fallensteller, mit dir führe Schamchat, die Dirne.

Doch wenn die Herde eintritt an der Wasserstelle,
soll sie ihre Kleider von sich streifen und ihre Reize zeigen.
Er wird sie sehen und sich ihr dann nähern.
Fremd wird ihm seine Herde (dann) sein, in deren Mitte er aufwuchs.“

Es ging der Fallensteller, mit sich führte er Schamchat, die Dirne,
sie nahmen den Weg, sie begaben sich auf die Reise.
Am dritten Tage erreichten sie das Ziel.
Da nahmen der Fallensteller und die Dirne an ihren Ausgucken Platz.

Einen Tag, einen zweiten Tag saßen sie gegenüber an der Wasserstelle.
(Dann aber) kam die Herde heran, um zu trinken an der Wasserstelle.
Es kamen heran die wilden Tiere, sie labten sich am Wasser.
Und so auch er, Enkidu, dessen Herkunft die Berge sind.

Mit Gazellen frisst er Gras.
Mit Herdentieren drängt er sich an der Wasserstelle,
mit wilden Tieren labt er sich am Wasser.

Es sah ihn die Schamchat, ihn, den Ur-Menschen,
den mörderischen Burschen aus dem Innersten der Steppe.

„Das ist er, Schamchat, entblöße deine Brust!
öffne deine Scham, auf dass er Deine Reize nehme!
Schrecke nicht zurück, nimm seinen Atem hin!
Er wird dich sehen und sich dir dann nähern.

Breite deine Kleider aus, auf dass er auf dir liege.
Wirke an ihm, an ihm dem Ur-Menschen, mit den Künsten des Weibes!
Seine Liebe wird dich umschmeicheln.
Fremd wird ihm seine Herde (dann) sein, in deren Mitte er aufwuchs.“

Da löste Schamchat ihr Untergewand.
Sie öffnete ihre Scham, und er nahm ihre Reize.
Nicht schreckte sie zurück, seinen Atem nahm sie hin.

Sie breitete ihre Kleider aus, und er lag dann auf ihr.
Sie wirkte an ihm, an ihm dem Ur-Menschen, mit den Künsten des Weibes.
Seine Liebe umschmeichelte sie (da).
Sechs Tage und sieben Nächte stand Enkidu aufrecht
und paarte sich mit Schamchat.

Als er sich an ihrer Lust gesättigt,
wandte er sein Gesicht seiner Herde zu.
Es sahen Enkidu und stürmten davon die Gazellen,
die Herde der Steppe wich zurück vor seiner Gestalt.

Beschmutzt hatte Enkidu seinen ganz reinen Körper,
still standen da seine Knie, die sonst gewohnt, mit der Herde zu laufen.

Geschwächt war da Enkidu, sein Laufen war nicht mehr so wie zuvor.
Doch (mit einem male) besaß er Verstand, und tief war seine Einsicht.
Er kehrte zurück und setzte sich nieder, der Dirne zu Füßen.
Der Dirne sieht er ins Gesicht,

und was die Dirne spricht, vernehmen (auf einmal) seine Ohren.
Die Dirne sagt zu ihm, zu Enkidu:
„Gut bist Du, Enkidu. Du trittst wie ein Gott ins Sein.
Warum nur läufst Du mit den wilden Tieren in der Steppe umher?

Komm her, ich will Dich leiten in die Mitte von Uruk,
der Hürden(umhegten),
zum reinen Hause, dem Wohnsitz von Anum und Ischtar,
dorthin, wo Gilgamesch ist, vollkommen an Kraft,
und wo er wie ein Stier die jungen Männer seine Kräfte spüren lässt.“

Sie sprach mit ihm, und gefällig war ihre Rede.
Sein (nun) wissendes Herz suchte einen Freund.

S.49 , Vers 101 ff.
aus : Das Gilgamesch-Epos
4., durchgesehene Auflage 2008. 
Neu übersetzt und kommentiert
von Stefan M. Maul.
Verlag C.H. Beck oHG, München.


Anlässlich der Ausstellung „Soma“
von Carsten Höller
im Hamburger Bahnhof, Berlin
(5.November 2010 – 6. Februar 2011)

Tiere haben ein Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, Tiere in Gefangenschaft zu halten. Nicht für Tierversuche, und nicht zur Gewinnung von Nahrung, in der Massentierhaltung oder der so genannten artgerechten Haltung. Denn artgerecht ist nur die Freiheit. Die Ausstellung „Soma“ von Carsten Höller zeigt einen sinnlosen Tierversuch im Museum Hamburger Bahnhof Berlin. Berlin ist bereits die Hauptstadt der Tierversuche. In keiner Stadt in Deutschland werden mehr Versuche an Tieren durchgeführt. Die Annahme, Kunst bewege sich im luftleeren, bzw. rechtsfreien Raum, ist snobistisch. Es gibt keine Rechtfertigung für strukturelle Gewalt gegen Tiere durch L’art pour l’art, vor allem nicht für Kunst, die sich an der Grenze zur Naturwissenschaft verortet. Das Tier ist das Unerreichbare. Tiere müssen befreit werden. 


Mensch Tier – Derrida, Agamben, Coetzee und die unerwartete
Rückkehr der Kreatur
von Ullrich Raulff

Sein Leben lang träumte der Autor von einem Aufstand der Tiere. So als käme er aus dem Reich der „Verkehrten Welt“, ersann er einen Umsturz der archaischen Ordnung, die den Menschen zum Herrn über Leben und Tod der Tiere gesetzt hatte. Und wusste doch, dass der Tag des gerechten Zorns nicht kommen würde: „Es schmerzt mich , dass es nie zu einer Erhebung der Tiere gegen uns kommen wird , der geduldigen Tiere, der Schafe, allen Viehs, das in unsere Hand gegeben ist und ihr nicht entgehen kann.“ Dennoch, lustvoll malte Canetti sich aus, wie die von einem Schlachthaus ausgehende Rebellion sich über eine Stadt ergießt, wie Männer, Frauen, Kinder, Greise zu Tode getrampelt, U-Bahn-Waggons von rasenden Ochsen zerdrückt und Menschen von blutgierigen Schafen zerfleischt werden. Bis heute ist dieser Umsturz nicht eingetreten. Auch wenn es auf dem Höhepunkt der BSE-Krise so aussah, als sei dies der Ersatz für die Revolte der gequälten Natur, sozusagen ihr langer Marsch durch die Institutionen der Ernährung – der Aufstand der Tiere bleibt vertagt. In der Zwischenzeit findet etwas anderes statt: eine Rückkehr der Tiere im Denken der Menschen, ein intellektueller Aufstand im Namen der Tierheit. Ambitionierte Kunstblätter wie frame produzieren Sonderausgaben („The Dog Issue“), eine populäre Zeitschrift wie Brigitte lässt prominente Schriftsteller über Tiere schreiben. Im Jahr 2000 zeigt die Städtische Galerie Karlsruhe die Schau „Herausforderung Tier. Von Beuys bis Kabakov“, 2001 war in Baden-Baden „Das Tier in mir“ zu sehen, in wenigen Wochen, Ende November, eröffnet das Dresdner Hygiene-Museum eine Ausstellung zum Thema „Mensch und Tier“.

Ähnlich das Bild in der Literatur und Philosophie: Auf die deutsche Übersetzung von J.M.Coetzees „Das Leben der Tiere“(2000) folgten Hans Blumenbergs „Löwen“, Hans Wollschlägers „Tiere sehen Dich an“ und Elias Canettis Aufzeichnungen „Über Tiere“. Von Jacques Derrida weis man, dass er seit langem an einem Buch über die Differenz zwischen Mensch und Tier sitzt; die deutsche Übersetzung von Giorgio Agambens jüngstem Essay „L´aperto.L´uomo et l´animale“ ist für nächstes Frühjahr angekündigt. Eine der wichtigsten Neuerscheinungen dieses Herbstes war das Buch des Leipziger Anthropologen Michael Tomasello über das Lernverhalten von Schimpansen und Menschenkindern.

Abgestanden: So wirkt auf einmal der technoide Futurismus, der uns gestern noch einreden wollte, die Zukunft des Menschen liege in der Gesellschaft von Cyborgs und Replikanten. Die Zukunft des Menschen? Wohnt hier nicht mehr. Seit kurzem hat der Humanismus ein neues Feld entdeckt – in den Containern der Viehtransporte, hinter den Gittern zoologischer Versuchsstationen, am Ausgang des Paradieses. Aber was heißt hier: neues Feld? In Wahrheit ist es das älteste. Wann immer der „western man“ eine Antwort auf die Frage nach der sphinx suchte,wandte er sich an Bruder Tier: Wer bist du, und wer bin ich? Von Aristoteles über Descartes bis Heidegger schien der Weg zum Menschen über die Abgrenzung vom Tier zu führen. Das zoon politikon, das animal rationale, das Tier das lachen, Politik treiben, seinesgleichen ausrotten und über sich selbst nachdenken kann, behauptete seine spezifische Differenz. Umgekehrt tauchten, wann immer der Humanismus des Westens in schlechtes Wetter geriet, an einem Horizont die Gestalten des Tieres auf – als Lockung, Drohung und Versprechen. War es ein Zufall, dass Friedrich Nietzsche, von Mitleid überwältigt, am Hals einer gepeinigten Kreatur zusammenbrach? Lautete das erste Wort vom Humanismus Abgrenzung vom Tier, so hieß brüderliche Identifikation sein letztes. Und vielleicht ist es die Fähigkeit zum Mitleiden – als innerster Kern des Humanen -, die jetzt in Frage steht und das Tier von neuem als letztes Rätsel und Frage vor uns hinstellt.

Für die philosophische Anthropologie des 20.Jahrhunderts bestand nie ein Zweifel daran, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier mehr zu sein hatte als ein geringfügiger Evolutionsvorsprung, ein Komparativ der Intelligenz oder eine Steigerungsform technischer Kompetenz. Aber worin lag seine eigentümliche Qualität? In seinem jüngsten Essay „L´aperto“ zeichnet der italienische Philosoph Giorgio Agamben den Denkweg Martin Heideggers nach, den dieser im Wintersemester 1929/30 in einer seiner wichtigsten Vorlesungen beschritten hatte. Für Heidegger war das Tier „weltarm“, der Mensch aber „weltbildend“. Das Tier, sagt Heidegger in Anlehnung an Jacob von Uexküll, lebt eingesperrt in seinen „Enthemmungsring“ – einen Kreis von Bedürfnissen und Umweltreizen, in dem es „benommen“ ist. Die Umwelt des Tieres mag „offen“ sein, aber sie ist nicht „offenbar“, wie es die sich enthüllende Welt des Daseins ist.

Originell an diesem ebenso herrischen wie klamüserischen Denken ist vor allem die Terminologie. Der Sache nach ist Helmuth Plessner, der wenige Jahre später über „Tier und Mensch“ (sic!) schreibt, klarer. Plessner macht den „Geist“ des Menschen (im Unterschied zur „Intelligenz“, über die auch Tiere verfügen) zum obersten Kriterium: Im Tier herrscht als Grundprinzip die Geborgenheit in der Umwelt. Im Menschen öffnet sich die Geschlossenheit des vitalen Kreises – dem Anderen als dem Anderen.“ Auch dies eine bezeichnende Differenz der beiden Denker: Für Plessner ist es die Liebe, die dem Menschen eine Welt jenseits von Fressen und Schlafen eröffnet – für Heidegger ist es die Langeweile: In der Langeweile bemerkt das Dasein seine „Benommenheit“ und gelangt dadurch über sie hinaus. Aber ob man nun den Unterschied zwischen den Tieren und dem Menschen nachidealistisch („Geist“) oder existentialontologisch („Dasein“) definiert – die Zahl der Leute nimmt zu, die diese ganze Begriffsarbeit als verlogen empfinden und dahinter das Raubtier Mensch wittern, das sich beim Fleischfressen nicht stören lassen will. In der Erzählung „Das Leben der Tiere“ lässt J.M.Coetzee eine seiner Figuren den Verdacht äussern, „dass die ganze Diskussion über Bewusstsein und ob Tiere es besitzen nur eine Vernebelungstaktik ist. Im Grunde schützen wir unsere eigene Art. Die Daumen nach oben für die Menschenkinder, die Daumen nach unten für die Kälber.“

Die Distinktionen der Philosophie als Lizenz zum Töten? Als wirklich obszön gilt erst der Vergleich, den in derselben Erzählung die Hauptfigur, eine eigensinnige alte Schriftstellerin, anstellt: Sie vergleicht die Schlachtviehindustrie mit dem Holocaust, den Massenmord an den Tieren mit dem Nazimord an den Juden. Sie könne, sagt sie, nicht mehr begreifen, wie all die netten Leute um sie herum fortfahren könnten, Leichen zu essen und Leichenteile zur Schau zu stellen: “ Es ist, als würde ich Freunde besuchen und eine höfliche Bemerkung über die Lampe in ihrem Wohnzimmer machen, und sie würden sagen: ,Ja sie ist nett, nicht wahr? Sie ist aus polnisch-jüdischer Haut gefertigt, wir finden, die ist beste Qualität, die Haut von polnisch-jüdischen Jungfrauen.'“

Eine zynische Zuspitzung, eine brutale Pointe. Wie man daraus eine historische Argumentation entwickelt, zeigt das kürzlich erschienene Buch des Historikers Charles Patterson unter dem Titel „Eternal Treblinka. Our Treatment of Animals and the Holocaust“. Patterson verlegt die Geburt des Holocaust in die Schlachthöfe von Chicago. In seinem schlimmsten Kapitel („Killing Centers in Amerika and Germany“) schneidet er wie im Film die brutalsten Schlachthausbilder mit den grässlichsten Szenen des Judenmords gegeneinander. Dass er dabei eine neue, „animalische“ Form der Geschichtsrevision betreibt, nimmt Patterson in Kauf. Diesmal sind es nicht, wie bei Ernst Nolte, die Bolschewiken, die angefangen haben, sondern die Amerikaner, die in ihren Schlachthöfen das Töten mechanisierten und so den Nazis das Vorbild für Ihre Vernichtungsmaschinen lieferten. Man fragt sich, ob der Autor den Mord an den Juden nicht vor allem benutzt, um die Verbrechen an den Tieren zu skandalisieren – mit sicherem Griff zum historischen Superlativ. Immerhin kann er sich dabei auf einen prominenten Gewährsmann berufen: den Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer. Alle Figuren Singers dachten wie Herman Broder, der Held der Erzählung „Feinde“, der die Zoos als eine andere Art von Konzentrationslager empfand und die Vorstellung nicht loswurde, „dass in ihrem Verhalten gegenüber den Tieren alle Menschen Nazis waren.“ Von Singer, dem Autor, der die Tiere liebte, stammt auch das Wort vom „ewigen Treblinka der Tiere“.

Es sieht so aus, als stellt dieser Vergleich heute den Nullpunkt des Humanismus-Diskurses dar. Aber nicht alle Autoren sind bereit, an diesem Punkt stehen zu bleiben. Giorgio Agamben etwa sieht – wie schon Adorno – die Gefahren, die darin liegen, den Holocaust quasi als letztes Wort der Geschichte zu akzeptieren. Man verkenne, schreibt er in „L´aperto“, völlig die totalitären Erfahrungen des 20.Jahrhunderts, wenn man sie ausschließlich konsequenzlogisch vom Nationalismus und Imperialismus her ansehe. Heute gehe es um einen anderen, extremeren politischen Einsatz: die Tatsache des biologischen oder „nackten“ Lebens der Völker. So gesehen war der Nationalismus nicht der Endpunkt, sondern ein Vorlauf für die biopolitischen Experimente des 21.Jahrhunderts oder, mit den Worten Agambens, für die „integrale Bewirtschaftung des biologischen Lebens und das heißt, der Animalität des Menschen.“

Auch Jacques Derrida sieht (in „L´Animal que donc je suis“) das „nie da gewesene Ausmaß der Unterwerfung des Tiers“ als Brandmal einer sich verschlimmernden Geschichte des „Mit- seins“ an: „Alle Welt weiß, welche unerträglichen Schreckensgemälde eine realistische Malerei von der industriellen, mechanischen, chemischen, hormonellen, gentechnischen Gewalt anfertigen könnte, die das Tier seit zwei Jahrhunderten durch den Menschen erdulden muss.“ Für Derrida lautet die Frage nicht, ob dies ein Genozid war oder nicht. Gewiss, sagt er, gibt es auch tierische Genozide: „Die Zahl der Arten, die kraft des Menschen im Verschwinden begriffen ist, raubt einem den Atem.“ Aber wie ist es möglich, fragt sich Derrida, dass die Menschen sich das Leid, das sie denen, die sie Tiere nennen, zufügen, so gründlich verschleiern und verbergen können: „Denn was da seit zwei Jahrhunderten geschieht, ist auch eine neuartige Prüfung, eine Bewährungsprobe des Mitleids.“

Von Aristoteles bis Heidegger kreiste die Rede über das Tier immer um das Haben und das Können, um Besitz der Vernunft und das Vermögen, Techniken anzuwenden. Die entscheidende und heute aktuelle Frage hat zuerst Jeremy Bentham gestellt: Can they suffer? Können sie leiden? In dieser Frage, so Derrida, liegt die radikalste Weise, jene Endlichkeit und Sterblichkeit zu denken, die die Menschen mit den Tieren teilen. In der Verschlimmerung unseres Verhältnisses zu den Tieren seit 200 Jahren wird das Wasserzeichen eines Krieges sichtbar: Es ist ein Krieg, der um das Mitleid entbrannt ist. Dieser Krieg hat ohne Zweifel kein Alter, aber er ist in eine kritische Phase eingetreten und wir mit ihm.“

Niemand weiß, was am Ausgang dieser kritischen Phase stehen wird. Die Bewirtschaftung des nackten, animalischen Lebens von Menschen – und Tierpopulationen? Der unerklärte Krieg im Innern der Zivilisation, die sich human nennt, geht weiter. Der Aufstand der Tiere bleibt vertagt. Auch ein Aufstand der Menschen für ihre animalische Natur ist nicht in Sicht.

Erstveröffentlicht Süddeutsche Zeitung, 26.10.2002
und Texte zur Kunst, S.136-139,Heft Nr.50,2003


Man könnte so weit gehen, den Menschen zu bezeichnen als das Wesen, das in seinem Tiersein und Tierbleiben gescheitert ist. (…)Kulturhistoriker haben klargemacht, daß mit der Seßhaftwerdung zugleich das Verhältnis zwischen Mensch und Tier insgesamt unter neue Vorzeichen geriet. Mit der Zähmung des Menschen durch das Haus beginnt zugleich das Epos von den Haustieren. Deren Bindung an die Häuser der Menschen jedoch ist nicht bloß eine Sache von Zähmungen, sondern auch eine von Abrichtungen und von Züchtungen. Der Mensch und die Haustiere – die Geschichte dieser ungeheuerlichen Kohabitation ist noch nicht auf angemessene Weise zur Darstellung gebracht worden, und erst recht haben die Philosophen bis heute nicht wahrhaben wollen, was sie selbst inmitten dieser Geschichte zu suchen haben (…)

Peter Sloterdijk 1999, „Regeln für den Menschenpark“ (s.48 ff.)
Suhrkamp Verlag


Industrialisierung

mit Essays von
Thomas Macho
Melanie Bujok
Moshe Zuckermann


press

Speaking Beyond Language
Bomb Magazine, by Osman Can Yerebakan
February 11, 2021

Hinterm Horizont
Frankfurter Allgemeine Zeitung, by Christoph Schütte
5. August 2021

Stories We Missed in 2020: Lin May Saeed’s Nonhuman Animals
Frieze, by Terence Trouillot
Dec 17, 2020

Drawing to a close: Lin Saeed’s must-see ‚Arrival of the Animals‘
The Williams Record, by Erin Barry
October 21, 2020

Lin May Saeed at The Clark
Contemporary Art Daily
October 14th, 2020

The Art of Animal Liberation
Art in America, by Emily Watlington
October 6, 2020

Alla scoperta di antichi palazzi che ospitano banche e fondazioni
Palazzo Vitale a Cuneo, IT
Acquisitions of Fondazione CRC
La Stampa, by Lorenzo Boratto
October 04, 2020

Lin May Saeed: Arrival of the Animals
Brooklyn Rail, by Holly Bushman
Aug 15, 2020

What if humans weren’t the center of every narrative, but instead animals were?
The Berkshire Eagle, by Jennifer Huberdeau
Aug 7, 2020

Animals humans in Saeed exhibit at Clark
Times Union, by William Jaeger
Aug. 3, 2020

Lin May Saeed’s Styrofoam Animals Exemplify Beautiful Reuse
The Observer, by David D´Arcy
July 29, 2020

At the Clark, an artist’s irresistible vision of interspecies harmony
The Boston Globe, by Murray Whyte
July 23, 2020

„Lin May Saeed & Max Brand @ What Pipeline
journal_fyi, by Christopher Michael
October 15, 2019

„Warning: Fragile? The Artists Tearing Up Polystyrene
Elephant Magazine, by Louise Benson
August 10, 2019

„33rd Ljubljana Biennial of Graphic Arts, Slovenia
Art Agenda Reviews, by Tom Jeffreys
July 19th, 2019

„Lin-May Saeed at Jacky Strenz
Critic´s picks, by Emily Watlington
May 27, 2019, ARTFORUM

„Lin-May Saeed at Jacky Strenz, Frankfurt
Christoph Schütte
July 13th, 2019
Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Lin May Saeed at Jacky Strenz
Contemporary Art Daily 06/2019
June 26th, 2019

„Lin May Saeed at Studio Voltaire 2018
Gilda Williams, ARTFORUM (Nov 2018 issue and online) 

Biene – Lin May Saeed 2018 – Studio Voltaire
Cleo Roberts, Art Asia Pacific Magazine, online

Lin May Saeed at Contemporary Art Daily
August 18, 2018

That Summer Feeling: Eight Unmissable London Shows
Elephant Magazine – online
by Louise Benson
July 28, 2018

Lin May Saeed at Studio Voltaire, London
by Karim Crippa, Exhibitionary
July 2018

Lin May Saeed – Bees
by Julie Anderson, The Story Bazar
June 30, 2018

„Lin May Saeed´s Slow Burn“
by Chris Sharp in Mousse Magazine April/May 2018, #63
download pdf of print version
link to text at Mousse online

„Lin May Saeed at LULU Mexico City 2017“
Owen Duffy , FRIEZE (Jan 2018 and online)
Nov 25, 2017

„Lin May Saeed at LULU Mexico City 2017“
Contemporary Art Daily 11/2017
November 13th, 2017

„Lin May Saeed at LULU Mexico City 2017“
Magali Arriola, FRIEZE online
Oct 24, 2017

„The World Without Us“
by Alex Jovanovich, Artforum
August 11, 2017

„Lin May Saeed at Nicolas Krupp“
Aoife Rosenmeyer, „Art in America“
Dec 12, 2016

„Lin May Saeed at Nicolas Krupp 2016“
Contemporary Art Daily 11/2016
November 2nd, 2016

„Lin May Saeed at Jacky Strenz 2016“
Contemporary Art Daily 04/2016
April 4th, 2016

„Contributors picks at Art Space“
by Forrest Nash
Nov. 23, 2015

„Lin May Saeed at Julius Caesar Chicago 2015“
Contemporary Art Daily 11/2015
November 20th, 2015

„Lin May Saeed at Thomas Flor 2014“
Contemporary Art Daily 11/2014
November 13th, 2014

„Lin May Saeed at Jacky Strenz 2013/14“
Contemporary Art Daily 01/2014
January 8th, 2014

Radio Portrait on Lin May
WDR5, 10.41 min (german language)
December 18th 2013

„Auf Wagner Pfeifen“
Christoph Schütte, FAZ
Rhein-Main Kultur, 19.10.2013

„Lin May at Jacky Strenz“
Contemporary Art Daily 10/2013
October 14th, 2013

„Lin May at Bonner Kunstverein 2012“
Contemporary Art Daily 05/2012

„Die Kunst und das liebe Geld“
Kito Nedo
Berliner Zeitung, 25.1.2011

„Altarbilder unserer Zeit“
Swantje Karich, FAZ
Kunstmarkt, 27.2.2010

„Lin May at Thomas Flor 2010“
Contemporary Art Daily 12/2010
December 20th, 2010

„Lin May and Jens Ulrich at Jacky Strenz 2010“
Contemporary Art Daily 02/2010
February 23rd, 2010

„Lin May at Jacky Strenz“
Contemporary Art Daily 07/2009
July 28th, 2009

„Frau mit Hund“
Christoph Schütte, FAZ
Rhein-Main Kultur, 10.6.2009

„Beziehungen zwischen Mensch und Tier“
Fenja Braster, Interview mit Lin May Saeed, 25.3.2006
Terz, Autonome Stadtzeitung Düsseldorf

„Malerischer Herbst“
Ulrike von Götz, 4.9.2005
Welt am Sonntag

„Materielle Rätsel der Gegenwart“
Wiebke Hüster, FAZ
Kunstmarkt, 26.3.2005


literature

„Recipes from Iraq“
Vegane Rezepte aus dem Irak
mit Texten von Abbas Khider, Melanie Bujok und Lin May Saeed
Publikation für Peter Mertens Stipendium 2011
erhältlich über Bonner Kunstverein

„Ein Neger mit Gazelle“ von Lin May Saeed“
Edited by. Uta Grosenick, 2004, Revolver Frankfurt /Main

„The Epic of Gilgamesh“
1999 /2003. Retranslated by Andrew R.George,
Penguin Books Ltd., London

„Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“,
2007, Hrsg. Susann Witt-Stahl, Alibri Verlag, Aschaffenburg

„Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material“
2007 , Hrsg. TAN, Hamburg


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